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Der mit den Stühlen spricht

Süddeutsche Zeitung vom 28. Dezember 2015: Der mit den Stühlen spricht von Hansgeorg Bankel

Das Zusammenspiel aus Form und Funktion hat Werner Löffler schon als Kind fasziniert. Seit nunmehr 28 Jahren sammelt er Sitzmöbel, darunter echte Klassiker und einzigartige Exoten

Das war der erste: „Teodora“, entworfen von Ettore Sottsas. Schichtholz, laminiert, ein abstraktes, grau-weißes Muster. Die Seitenteile senkrecht, wie zwei auf dem Kopf stehende große T, die Sitzfläche waagrecht, völlig plan, ohne jedes Zugeständnis an die anatomische Form des Menschen, der darauf sitzen soll. Die Rückenlehne: halbrund geformtes Plexiglas.

So stand er da, auf einem Drehteller, in einem Möbelhaus in Hirschaid. 1987 war das, Werner Löffler war 24 Jahre alt. Von Kind an war er fasziniert von der Schönheit alltäglicher Gegenstände. Seine Mutter war mit ihm in jedes erreichbare Museum gegangen. Ganze Tage hatte er auf Flohmärkten verbracht. Das Zusammenspiel von Form und Funktion, das sich in jedem noch so kleinen Detail offenbart. Eine Art Magie, die in den nur scheinbar toten Dingen steckt. Als sprächen sie zu ihm: Schau mich an. Betaste mich. Versteh‘ mich.

Und da stand dieser Stuhl auf seinem Drehteller und sprach zu ihm: Ich bin der Anfang von etwas ganz Großem in deinem Leben. „Ich habe ein Möbel gekauft, das die Kraft hat, der Beginn einer Sammlung zu sein“, sagt Werner Löffler. Von jenem Tag an hat er Stühle gesammelt. 28 Jahre lang, 365 Tage im Jahr. Mehr als 1300 Stühle umfasst seine Sammlung heute, und zu jedem einzelnen könnte Werner Löffler eine Geschichte erzählen. Es sind nicht irgendwelche Stühle. „Ich suche nicht zwanghaft“, sagt Werner Löffler, „sonst würde vieles nicht kommen. Ich möchte das, was eine persönliche Präsenz hat.“

Eine unglaubliche Vielfalt. Klappstühle, Kinderstühle, Arbeitsstühle. Ein Stuhl mit Pult aus dem ersten deutschen Bundestag, Reihe 2, Platz 30. Eine ganze Abteilung für Verner Panton, den dänischen Designer, der den Freischwinger erfunden hat: gebogenes Stahlrohr, mit einer Sitzfläche aus Stoff oder Leder: „Warum vier Beine, wenn man auch auf zweien sitzen kann?“ Österreich und Wien: Klassiker von Michael Thonet aus dem Rheinland, den Metternich 1842 nach Wien holte und der dort den Stuhl Nummer 14 kreierte, den Inbegriff des Wiener Kaffeehausstuhls. Ein revolutionäres Konzept: Man konnte den Stuhl in sechs Einzelteile zerlegen, die sich stapeln und platzsparend verpacken ließen.

Es gibt Stühle in Werner Löfflers Sammlung, die von ihren früheren Besitzern erzählen: Das weiße Kunststoffei des finnischen Möbelherstellers Asco zum Beispiel, innen mit rotem Cordsamt zu einer Kuschelhöhle ausgekleidet: Das stammt aus dem Nachlass der Schlagersängerin Manuela, die darin für ein Plattencover posierte. Ein mit blauem Jeansstoff bezogener Sessel in Form eines riesigen Baseballhandschuhs: angefertigt zu Ehren von Joe DiMaggio, dem legendären Star der New York Yankees. Und ein besonderer Exot: der Königshocker des Sultans Njioya, der bis 1933 über das Königreich Bamum im heutigen Kamerun herrschte. Aus dem lebenden Baum geschnitzt und mit Muscheln und Schneckenhäusern verziert.

Mit größter Akribie bemüht sich Werner Löffler, seine Sammlerstücke in ihren originalen Zustand zurückzuversetzen. Wie diesen Art-Deco-Stuhl, die Lehne aus einem massiven Eichenblock gesägt, von Fritz August Breuhaus, der auch die Innenausstattung des Zeppelins Hindenburg und des Segelschulschiffs Gorch Fock entworfen hat. Dieser Stuhl hat eine seltsame Geschichte: Die Frau, die ihn Löffler anbot, ist die Tochter eines Kürschners, zu dem eines Tages eine Frau aus Berlin kam, um sich einen bodenlangen Nerzmantel anfertigen zu lassen. Bezahlt hat sie mit der Einrichtung eines ganzen Zimmers: Sideboard, Tisch, zwei Stühle. „Der Stuhl war mit einem Blümchenstoff bezogen“, erzählt Löffler, aber an einer Ecke war noch ein winziger Rest des ursprünglichen Bezugs vorhanden – ein dunkel gestreiftes Rosshaargewebe. Bei der Preußischen Rosshaarmanufaktur in Berlin fand Löffler den exakt passenden Bezugsstoff. „Jetzt steht er wieder da, wie er in den 20er-Jahren gemacht wurde“, schwärmt Löffler.

Oder dieser Jugendstilsessel aus dem Atelier des Malers Paul Bürck in der Darmstädter Künstlerkolonie. Es gab nur zwei Exemplare davon, von Patriz Huber entworfen und von dem Kunstschreiner Julius Glückert gefertigt. Auch dieser Sessel war durch einen modernen Bezugsstoff verunstaltet. In alten Briefen der Vorbesitzer fand Löffler einen Hinweis: Der ursprüngliche Bezug war „filzartig“ und „russisch grün“. „Wir haben uns dann für einen reinen Seidenstoff entschieden“, sagt Löffler, „und ich glaube, wenn die beiden heute hier hereinkämen, würden sie sagen: ,Genau so muss er dastehen.'“

Für den Tipp danken wir Hansgeorg Bankel aus Lauf an der Pegnitz.

Führungen durch die Sammlung Löffler gibt es je­weils Mittwochs und Sonntags und nach Anmeldung unter: Tel. 09151/83008-0 oder per E-Mail an sammlung@loeffler.de.

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