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Mies war einfach Mies!

Autor: Paul Andreas
CUBE Magazin Düsseldorf 03/13
Das Düsseldorfer Magazin für Architektur, modernes Wohnen und Lebensart

Interview mit dem schweizer Publizisten, Designer und Architekten Werner Blaser über seinen Mentor Mies van der Rohe, der ihn in Amerika elementares Sehen und Gestalten lehrte.

CUBE: Herr Blaser, Sie sind 1951 mit 26 Jahren nach Chicago gegangen, um am Illinois Institute of Technology zu studieren. Wie haben Sie dort Mies van der Rohe kennengelernt?

Blaser: Ich war am Institute of Design, an dem der Künstler László Moholy- Nagy lehrte, um an Fotoseminaren teilzunehmen. Aber da war ich nicht wirklich glücklich. Und so bin ich einfach mehr in die Architekturabteilung gegangen, an der Mies damals unterrichtete. Da habe ich ihn dann auch bald kennengelernt. Er lud mich dann mit seinen Studenten zu sich nach Hause ein – Mies liebte das offene Gespräch. Richtig kennengelernt habe ich ihn aber erst später, als ich ihm eine Kopie meines Ausstellungsbuches geschickt habe über die Architektur der japanischen Teepavillons. Mies hat sich dafür sehr bedankt und 50 Exemplare gekauft als Geschenk für seine Freunde und Bekannte. In diesem Brief hat er mich dann auch darum gebeten, nach Chicago zu kommen, um mit ihm ein Buch über ihn und seine Architektur zu machen. 1963/64 bin ich dann jeweils drei Monate bei ihm gewesen, um die bekannte Werkmonografie „Die Kunst der Struktur“ vorzubereiten – das hat mir Gelegenheit gegeben, ihm einige Jahre vor seinem Lebensende noch einmal sehr nahe zu kommen.

CUBE: Mies war Ende 1938 in die USA gegangen – haben Sie ihn dreizehn Jahre später in Chicago eher als Amerikaner oder als Deutschen kennengelernt?

Blaser: Weder noch – als Mies! (lacht) Eigentlich ist er ein Deutscher geblieben. Seine Sprache war ein sehr schönes Deutsch. Er war nicht sentimental, aber, man merkte, er war sehr mit Deutschland verbunden. Ich kam schon damals zu der Idee: Mies in Amerika – das ist „Chicago High“. Damit meinte ich das T-Doppelprofil aus Stahl, das er bei allen seinen Bauten benutzte. Damit zu arbeiten, das war für ihn ein Höhepunkt in seinem Leben! Und das war damals nur in Amerika denkbar! Mit diesem „High“ hat er alles noch einmal übersprungen, was er in Deutschland erreicht hat. Er wäre in Deutschland ein bekannter Architekt geblieben, aber durch das Chicagoer T-Detail wurde er dann wirklich weltberühmt.

CUBE: Sie haben es schon erwähnt, das Buch „Tempel und Teehaus“ über die japanische Architektur. Sie sind damals von Chicago direkt weiter nach Japan gereist und haben in Kyoto ein halbes Jahr die traditionellen Bauten studiert. Wie ist das gekommen?

Blaser: Das war eine unglaubliche Geschichte! Als Mies gerade das Farnsworth House und die Apartmenttürme am Lake Shore Drive fertigstellte, kam ich nach Chicago. Ich hatte Gelegenheit dieses Weekend House zu besuchen. Das erste Foto, das ich mit meiner eigenen Kamera machte, war von der damals noch komplett offenen Veranda des Farnsworth! Und das war eine wahnsinnige Erfahrung: Ich war in diesem Raum und ich sah nach außen in die Natur mit dem Fox River – diese Situation habe ich mit der Kamera eingefangen. Leider ist das heute nicht mehr in dieser Weise möglich, weil die Veranda bei der ersten Sanierung wegen der vielen Flussmücken komplett verschlossen wurde. In meinem Fotokurs habe ich den Abzug des Farnsworth in der Dunkelkammer ins Tauchbad gelegt und dann draußen aufgehängt, um die Belichtung abzuwarten. Da kam ein Architekturprofessor vorbei und fragte: „Ist das Japan?“ Da dachte ich: „Um Gottes willen, der sollte doch Mies‘ Architektur kennen!“

CUBE: Was war das für ein Gefühl als Sie, vorbereitet durch Mies, die Bauten der japanischen Tradition gezeichnet und fotografiert haben?

Blaser: Nach der Begegnung mit Mies war ich natürlich völlig in die Konstruktion verliebt! In Japan haben mich vor allem die Wohnbauten interessiert, nicht so sehr die Tempelanlagen, die eher von China geprägt sind. Das unglaublich sensitiv hergestellte japanische Detail – das hat mich interessiert! Und Sie müssen sich vorstellen: 1953 waren in Kyoto vielleicht zehn Ausländer – im Steingarten des Ryoan-Ji war ich allein und bekam vom Priester noch einen Tee! Als ich zehn Jahre später kam, standen etwa zehn Busse vor diesem Tempel. Ich kam also gerade noch zur rechten Zeit – das war ein großes Geschenk! Ich habe mich dabei immer auf das Einfache konzentriert, wie die Katsura-Villa in Kyoto, ein Pavillonbau aus dem 17. Jahrhundert. Damals konnte man da noch rein- und rausgehen und fotografieren – heute geht das so leider nicht mehr.

CUBE: Was ist aus Mies‘ Architektur geworden – hat sein Ansatz eine Schule ausgebildet?

Blaser: Die Leute bei Mies – das war schon die Elite! Etwa Myron Goldsmith, der mit Mies das Farnsworth House gezeichnet hat. Oder mein Freund Helmut Jahn, der bei Gene Summers, der Mies‘ Büro fortführte, anfing und dessen Visionen, insbesondere hinsichtlich der Gebäudedetails, weitergedacht hat, zusammen mit Werner Sobek. Mies hätte das, wenn er noch länger gelebt und gewirkt hätte, wohl sicher auch so gemacht. Trotzdem: Mehrheitlich sind Mies‘ Schüler nach seinem Tod postmodern geworden. Bloß ich bin so geblieben, wie ich bei Mies war. Ich habe mich nicht verändert!

CUBE: Sie haben im Laufe Ihres Lebens 112 Bücher über Architekten und Architektur gemacht, und sind heute noch dabei. Wie kommt es, dass Ihnen so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Mies, Alvar Aalto, Helmut Jahn oder Tadao Ando das Vertrauen geschenkt haben?

Blaser: Mir ging es nie darum, Mies‘ Architektur irgendwie zu kopieren. Worum es mir geht, ist den Gedanken der sichtbaren Konstruktion, den ich auch in Japan und bei vielen anderen wiedergefunden habe, zu zeigen. Es ist die Haltung, die mich interessiert. Ich suche nicht alle Architekten, die gerade Striche ziehen! Ich suche die Haltung, wie sie an Architektur rangehen und wie sie in der Welt leben! Deshalb trage auch ich ganz verschiedene Welten in mir. Ich habe ja auch zwei Namen: In Amerika ruft man mich „Wörner Bläsör“! (lacht)

CUBE: Führen Sie diese verschiedenen Welten in Ihrem „Living Archive“ zusammen, das Sie gerade im Büro Ihres Sohnes vorbereiten?

Blaser: An dem „Living Archive“ arbeite ich seit Jahren, damit die nächste Generation wieder Bezug nehmen kann. Alles, was ich im Laufe meines Lebens gesammelt habe, kommt in dieses Archiv. Mies‘ Chicagoer Bauten habe ich komplett fotografiert – ebenso Japans Wohntempelbauten. In das „Living Archive“ kommt alles, was mit dem Begriff „Haltung“ zu tun hat! Ob das Archiv einmal „Werner Blaser Archiv“ heißt, ist mir dabei unwichtig – wichtig ist, dass die Sachen einmal gebraucht werden können!

CUBE: Herr Blaser, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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