Von Stühlen besessen

Sueddeutsche Zeitung vom 04./05. Oktober 2014: Von Stühlen besessen von Ingrid Brunner

Mit „Teodora“ einem Stuhl des italienisch-österreichischen Designers Ettore Sottsass, fing alles an: „Ich habe ihn bei Möbel Neubert in Hirschaid entdeckt, wo er erhöht auf einer Drehscheibe stand. ‚Mit dir beginnt eine Sammlung‘ war mein erster Gedanke, als ich ihn sah. Stellen Sie sich vor: Angewandte Kunst in einem Möbelhaus – das ist heute so nicht mehr denkbar.“ Das war 1987. Seitdem hat der Unternehmer Werner Löffler, der in Reichenschwand bei Nürnberg Büromöbel herstellt, weit über tausend Stühle aus drei Jahrhunde1ten und vielen Kulturkreisen zusammengetragen.

Wie viele es genau sind, vermag Löffler nicht zu sagen. Es kommen ja auch ständig Neuerwerbungen dazu. Zwischen 1000 und 1100 sind in der Ausstellung gleich neben der Produktionshalle zu sehen. Plus jene Objekte, die erst restauriert werden müssen. „Mittlerweile umfasst die Sammlung zwischen 1300 und 1400 Exponate“, sagt Löffler. Viele seiner Exponate findet er noch heute auf Flohmärkten, auf Auktio­nen, oder mittels eines über die Jahre geknüpften Netzwerks. Längst ist Löffler auch in der Region gut bekannt, immer wie­der kommen Leute vorbei und bringen ihm Mobiliar, das ihnen zu schade zum Wegwerfen erscheint. Etwa das alte Ehepaar, das von seinem Bauernhof einen verwurmten Hocker dabei hatte. Oder der Dä­ne, der vierzig Jahre einen Möbelladen in Nürnberg betrieben hatte und nach seiner Geschäftsaufgabe Löffler eine Kofferraumladung dänischer Designerstühle überließ. In der Ausstellung befinden sich Entwürfe und Prototypen von berühmten Designern und Architekten wie der „S-Chair“ von Vemer Panton oder der dänische Stuhlklassiker „CH07“ von Hans J. Wegner. Doch nicht um große Namen und Labels geht es Löffler. „Wenn wir einen Stuhl in die Sammlung aufnehmen, dann erkennen wir ihn als wertvoll an“, sagt er. Löffler beklagt den Zeitgeist: „Jeder schaut nur auf das Label, aber der Inhalt ist wichtig, die Qualität. Erst in zweiter Linie frage ich: Wer hat’s gemacht?“ Und so kommt es, dass in der Ausstellungshalle ein sehr teures Stück neben einem sehr preiswerten stehen kann. Seine Auswahlkriterien sind beste Gebrauchs- und Materialgerechtigkeit, eine hohe Verarbeitungsqualität, innovative Eigenschaften und ein formal-ästhe­tischer Anspruch.

Das älteste Stück stammt aus der Zeit um 1700. Echte Preziosen sind zwei original Thonet-Möbel, Modell Schwarzenberg, ein Stuhl und ein Sofa, die auf 1850 datiert sind. Für Löffler sind Möbel immer auch so ziokulturelle Zeugnisse ihrer Zeit, die über das Leben der Menschen aus jener Zeit er­zählen. So lassen die alten Schulbänke und Pulte der Sammlung Rückschlüsse auf die Pädagogik vergangener Jahrhunderte zu. Und ein Originalsitz aus dem ersten Bun­destag in Bonn erinnert an die Atmosphäre, die damals im Plenarsaal herrschte.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist klar der Schwerpunkt der Sammlung. Damals musste nicht nur sehr schnell sehr viel Wohnraum geschaffen, dieser musste auch möbliert werden. Für viele Architekten lag es nahe, nicht nur die bauliche Hülle, sondern auch die Innenräume dazu zu gestalten. „Wenn man die Nachkriegsmoderne betrachtet, ist sie nicht nur auf den Nierentisch zu reduzieren.“ Da gab es Künstler wie Herbert Hirche, der mit seinen Möbelentwürfen wie dem Musikschrank von Braun eine neue sachliche Formensprache prägte. Oder Paul Schneider-Esleben, der neben dem ersten Parkhaus und dem Flughafen Köln-Bonn auch die Einrichtung für seine Bauten entwarf. Von beiden sind Sitzmöbel in der Sammlung.

„Es gibt kaum ein Stück, zu dem man nichts ernählen könnte“, sagt Helmut Klar­ner, einer von zwei Kuratoren der Sammlung Löffler. Er führt Besucher durch die Ausstellung, doch bevor der Rundgang zwi­schen Stuhlreihen und Hochregalen losgeht, ermahnt er: „Prinzipiell gilt in der Sammlung Sitzverbot.“ Das ist verständlich – aber auch ein bisschen schade. Immerhin ist dies eine der wenigen Ausstel­lungen, in der jeder Besucher von sich behaupten darf, die Exponate nach Gebrauchsfähigkeit und Ergonomie beurtei­len zu können. Sitzen kann, sitzen muss doch schließlich jeder.

Freilich, allein mit dem Allerwertesten sollte man einen Sessel dann doch nicht be­urteilen. Doch überhöhen muss man ihn auch nicht. So sah das zumindest der öster­reichisch-schwedische Architekt Josef Frank, der sinngemäß sagte: „Ein Sitzmö­bel wird die wenigste Zeit besessen, die meiste Zeit steht es da in der Erwartung, dienen zu dürfen“ – ein Gedanke ganz nach Löfflers Geschmack. Während der Stuhl darauf wartet, „besessen“ zu sein, muss er auch gefallen. „Möbel müssen gut­tun“, verlangt Löffler – auch von den eige­nen Erzeugnissen. Sein Anspruch ist es, ergonomische und zugleich formschöne Büromöbel herzustellen. Löffler umschreibt seine Firmenphilosophie mit den Worten von Max Bill, einem weiteren Künstler-Architekten: Demnach müsse eine Firma, die eine Marke entwickeln wolle, auch in der Kunst aktiv sein. Deshalb leistet sich Löff­ler neben seinen Großserien den Luxus einer Liebhaberei. In der Edition Löffler lässt er bekannte Klassiker wie den „Pegasus“ von Günter Beltzig oder den „Orgone“ von Marc Newson neu auflegen. Daneben vergibt er Aufträge für Neuentwürfe, etwa an den japanischen Künstler Katsuhito Nishikawa. Vielleicht wird dessen radikal minimalistischer Drehstuhl „NK1″ ja dereinst ein Sammlerstück?

Führungen durch die Sammlung Löffler gibt es je­weils am l. Freitag im Monat von 15-18 Uhr sowie am 2. Sonntag im Monat von 11-16 Uhr und nach Anmeldung unter: Tel. 09151/83008-0 oder per E-Mail an sammlung@loeffler.de.

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