Werner Löffler – Der Herr der Stühle

Der Herr der Stühle

Bezirk 09 Ausgabe 1/2011

Warum es ihm ausgerechnet Sitzmöbel angetan hätten, könne man sich ja wohl selbst beantworten, sagt Werner Löffler. Am Frühstückstisch, im Auto, am Schreibtisch, am Mittagstisch, auf dem Sofa, auf Stufen, auf Fahrradsatteln und auf der Toilette: Der Mensch sitzt in seinem Leben mehr, als dass er steht.

Der 49-Jährige sitzt auf einem Stuhl der Reihe Löffler Home, massives Nussholz. Die Sonne durchflutet den ersten Stock seines Betriebs: Ein einziger heller Showroom, in dem Dutzende Drehstuhlmodelle herumstehen. Die meisten ähneln eher gemütlichen Lesesesseln als jenen Plastikungetümen, die einen im durchschnittlichen Großraumbüro erwarten. Dazwischen stehen Tische, Garderoben, Hocker und einige Künstlereditionen, die Löffler gemeinsam mit bekannten zeitgenössischen Designern wieder aufgelegt hat: Günther Beltzigs stapelbare Kinderstühle aus dem Jahr 1966 oder sein „Pegasus“ von 1973, eine knallrote Sitzskulptur aus Kunststoff.

Jeden Tag Urlaub

Werner Löffler nimmt einen Schluck von seinem Kaffee. „Im Grunde habe ich seit 30 Jahren jeden Tag Urlaub“, sagt er. „Mir war es immer wichtig, eine Arbeit zu haben, die mich auch privat begeistert.“ Schon mit 14 Jahren zählte es zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, auf Flohmärkten nach außergewöhnlichen Möbeln zu suchen und sich mit Architektur und Designgeschichte zu befassen. Statt nach der Schule ein Studium in dieser Richtung aufzunehmen, machte er jedoch lieber eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei einem Büromöbelhersteller in seiner Hersbrucker Heimat. „Das erschien mir nur logisch“, erzählt er, „schon als Sechsjähriger habe ich zu meiner Mutter gesagt: Ich will ein Geschäft aufmachen!“ Er arbeitete einige Jahre für seine Ausbildungsfirma als Berater für dessen Lizenznehmer und reiste dafür um die ganze Welt. Auf allen wichtigen Möbelmessen war er Stammgast, und nachdem er immer wieder mit den steigenden Zahlen der mit Rückenleiden kämpfenden Sitzenden konfrontiert wurde, sah er darin die Chance, sich einen Namen im Bereich gesunden Sitzens zu machen. 1992 gründete er LÖFFLER und machte sich gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Ergonomie der Technischen Universität in München daran, eine einzigartige Sitztechnologie zu entwickeln: „ERGO TOP“.

LÖFFLER: Nachhaltige Produktion in Deutschland

Der Unternehmer redet gern über seinen Betrieb. Er ist stolz darauf, was er geschaffen hat. Seine Möbel werden ausnahmslos in Deutschland produziert. Er ist nicht interessiert daran, durch rücksichtslose Sparmaßnahmen auf Kosten von Mitarbeitern und Qualität den im Wirtschaftsjargon sogenannten „Maximalgewinn“ zu erzielen, um damit am Finanzmarkt zu jonglieren. „Ich handele nicht nach der Wertschöpfungskette Geld-macht-Geld-macht-Geld. Sie verkennt, dass Geld auch Geld vernichtet. Meine Kette heißt: Geld-macht-Produkt-macht-Geld-macht-Produkt. Ein Produkt ist real, Geld kann von einem auf den anderen Tag wertlos werden. Heinz Erhardt sagte einmal: Das Kapital gehört in die Firma!“ Und der geht es gut: Rund 12 Millionen Euro Umsatz macht sie im Jahr durch den Verkauf an Firmen in ganz Deutschland. Derzeit stehen gut 15 bis 18 neue Möbel auf der Warteliste – der Firmengründer arbeitet an einer ganzen Löffler-Welt. Sein Traum ist es, dass man sich in fünf bis acht Jahren komplett mit Löffler einrichten kann.

Sammlung Werner Löffler

Doch neben dem Kommerz lässt ihn auch die Kunst nicht los. „Es gibt diesen Spruch: Wem das Herz voll ist, geht der Mund über“, schwärmt er. Erst im letzten Jahr hat er die Katze aus dem Sack gelassen und öffentlich gemacht, was vorher nur seine engsten Vertrauten wussten: Dass er seit über 30 Jahren Sitzmöbel, Stühle, Hocker, Sessel und Liegen von Designern aus aller Welt sammelt. Verstaut hatte er die im Laufe der Zeit gesammelten Werke all die Jahre in vielen unterschiedlichen Depots. Angefangen hat diese Leidenschaft 1987, als er seinen ersten Stuhl kaufte: „Theodora“ aus der Memphis-Bewegung. Er wusste: „Irgendwann will ich ein Museum bauen.“ Im Herbst letzten Jahres war es so weit, Löffler eröffnete die Sammlung in einem 2000 Quadratmeter großen Anbau seines Betriebs. Sogar der Oberkonservator der Münchner Pinakothek der Moderne war zugegen und zeigte sich beeindruckt von der kunstgeschichtlichen Bedeutsamkeit der Stücke.

Stuhl-Museum – Eintritt kostenlos

Ein klassisches Museum ist der Anbau hinter seinem Betrieb allerdings noch nicht. Dafür müsste er behindertengerecht sein, geregelte Öffnungszeiten haben und noch viel großflächiger angelegt sein. „Da sind ja Stücke dabei, die allein vier bis fünf Quadratmeter Platz bräuchten, um ihre wahre Schönheit zu entfalten“, beteuert Löffler. Langfristig schwebt ihm deshalb ein ganz eigener Bau für seine Heiligtümer vor, mit mindestens 4000 Quadratmetern Fläche. Derzeit dient die Sammlung erst einmal der reinen Präsentation.

Besuch aus ganz Deutschland

Ihre hohe wissenschaftliche Qualität lockt regelmäßig Designstudenten und Professoren aus ganz Deutschland an. Löffler freut das. „Die Interessenten können hier nicht nur gesammelte Stühle sehen. Sie können durch die Möbel tatsächlich Weltgeschichte erfahren, in eine andere Welt eintauchen und begreifen, wie man früher gelebt und gedacht hat!“ Er würde seine Stühle deshalb nie renovieren. Höchstens behutsam restaurieren und konservieren. Gerade heute morgen brachte Helmut Klarner, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sammlung und selbstständiger Restaurateur aus Nürnberg, einen alten Wiener Biedermeierstuhl vorbei. Der Bezug war ziemlich mitgenommen. Die beiden werden ihn aber darauf lassen und nur ganz behutsam restaurieren. „So wie Kleider Leute machen, macht ein Bezug eine Zeit, und das lässt spannende Rückschlüsse auf die gesamte Gesellschaft zu“, erzählt Löffler.

Sein liebstes Beispiel dafür ist ein Sofa von Willy Landes, das er 1965 für Zanotta entworfen hat. Es heißt „Throw away“, ist aus billigstem Material gefertigt und steht für alles, was in der Zeit neu war: „Freie Liebe, keine Bindung, das Leben im Moment, Werteverfall – das Sofa ist purer Zeitgeist!“ Löffler strahlt, sein Mitarbeiter Klarner nickt begeistert. Er ist ein etwas merkwürdiger Typ mit wildem Bart und der Seele eines leidenschaftlichen Antiquitätenliebhabers. Für Löffler macht er regelmäßig neue spannende Stücke ausfindig, restauriert sie für ihn und bringt sie in die Sammlung. Dort lässt Löffler ihm freie Hand, denn Klarner hat ein feines Gespür für die Originalität der Stühle, weiß zu beinahe jedem Stück eine endlose Geschichte zu erzählen und arrangiert gemeinsam mit der aus Wien stammenden Chefkuratorin der Sammlung, Heidemarie Leitner, prächtige Ausstellungen. Sein Blick auf die Stühle ist voller Hingabe und die Art und Weise, wie er sie berührt, beinahe sinnlich. Wenn man neben ihm und einem Stuhl steht, meint man neben zwei alten Bekannten zu stehen, deren Beziehung man sich als Außenstehender zwar erklären lassen, aber nie völlig nachempfinden kann. Löffler und Klarner sind dicke Freunde geworden. Sie können stundenlang miteinander durch die Sammlung laufen und sich an der Strahlkraft eines einzigen Möbels ergötzen wie zwei kleine Jungs an dem ersten Spielzeugbagger ihres Lebens.

Einfach nur ansehen

Manchmal nimmt Löffler sich sogar einen Stuhl aus der Sammlung mit nach Hause, nur um ihn sich einige Tage ins Wohnzimmer zu stellen. „Ich setze mich nicht darauf, ich lasse ihn nur stehen und schaue ihn an. Es ist unvorstellbar, wie ein einziger Stuhl den Charakter eines gesamten Raumes verändern kann“, schwärmt er. Seine Umtriebigkeit hat Löffler bereits viele Bekanntschaften mit Künstlern und Prominenten verschafft. Für die Gestaltung seines Firmenlogos hat er Professor Thomas Bley einfliegen lassen, einen neuseeländischen Designer, der unter anderem für den Entwurf von Microsofts Windows-Logo verantwortlich ist.

LÖFFLER und Heimat

Löffler netzwerkt mit Leuten aus aller Welt und bleibt dabei selbst immer in Reichenschwand. „Ich sage immer: Ich verdiene mein Geld in der Welt und lebe in der Heimat!“, lacht er. „Natürlich muss man raus, um seinen Horizont zu erweitern“, gesteht er sich ein. Er selbst ist schon beinahe überall gewesen. Er liebt das Reisen, doch leben wollen würde er nirgendwo anders als in der Heimat. „Hersbruck ist das Tor zur fränkischen Schweiz, bietet Freizeitangebote wie Klettern, Kanufahren, im Winter ist es sogar zum Skifahren nicht weit. „Wissen Sie, wenn man sieht, dass die Infrastruktur eine gute ist und man seine Pläne verwirklichen kann, dann gibt es gar keine Notwendigkeit wegzugehen.“, sagt er. Und dann erzählt er eine Geschichte von Peter Zumthor, dem Architekten, der eine kleine Kapelle in Wachendorf an der Eifel errichtet hat – der tiefsten nordrhein-westfälischen Provinz. Man muss sein Auto parken und eine ganze Weile lang querfeldein gehen, um schließlich die 15 Quadratmeter große Kapelle zu sehen. „Aber wenn man dort ist, ist man völlig überwältigt und weiß: Das hat sich gelohnt“, so Löffler. Die Geschichte ist sein Beweis dafür, dass es egal ist, wo man etwas tut. Wenn das Angebot stimmt, kommt das Publikum von selbst.

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